Geschichte

Die Kolonialherrschaft Frankreichs führte zu erniedrigender Ausbeutung, schuf aber auch die strukturellen Voraussetzungen für das heutige Burkina Faso als modernen Staat. In den letzten 55 Jahren lösten sich Militärregierungen, demokratische Verfassungen und ein Revolutionsrat unter Thomas Sankara ab. Ein Volksaufstand konnte 2014 das korrupte semi-autoritäre «System Compaoré» überwinden.

Tag der Unabhängigkeit 05.08.1960

Staatsoberhaupt Roch Marc Christian Kaboré

Regierungschef Christophe Dabiré (seit Januar 2019)

Politisches System Parlamentarische Demokratie

Demokratie Status- Index (BTI) Rang 56 von 137 (2020)

Korruptionsindex (CPI) Rang 85 von 180 (2019)

Ibrahim Index of African Governance Rang 17 von 54 (2020)

Regierung unter Präsident Roch Kaboré

Am 29.12.2015 wurde Roch Marc Christian Kaboré als neuer Präsident von Burkina Faso in sein Amt eingeführt. Ein Tag später wurde Salif Diallo (†19.08.2017) zum Parlamentspräsidenten gewählt. Paul Kaba Thieba wurde vom Präsidenten zum neuen Ministerpräsidenten ernannt. Das neue Kabinett wurde aus 25 Ministern und vier Staatssekretären zusammengestellt.

Der Beginn der Regierung unter Präsident Kaboré wurde überlagert von Fragen der Sicherheit. Dazu gaben insbesondere dschihadistische Anschläge von bisher im Lande nicht bekanntem Ausmaß sowie die Fortsetzung von Straßenüberfällen und die Reaktionen in der Bevölkerung darauf Anlass.

Sicherheitsmaßnahmen gegen Anschläge von islamistischem Terror wurden verstärkt.

Eine unkontrollierbare Bürgerwehr namens Koglwéogo, die eine Justiz neben den staatlichen Organen instaurierte, tritt in heftigen Konflikt mit der Justiz. [Video]

In seiner Bilanz der ersten 100 Tage rief der Präsident erneut zum Dialog auf und hob die Schaffung einer Verfassungskommission und eines Hohen Rates zur nationalen Versöhnung und Einheit hervor.

Weiterhin wies er auf Fortschritte im Gesundheitswesen, Schulsektor (1.000 neue Klassen) und der Wasserversorgung hin.

Von Seiten der Bürgerbewegung Balai Citoyen wurde kritisiert, dass Präsident Roch Kaboré die Unabhängigkeit der Justiz nicht klarstellt. Statt die Gewaltenteilung zu respektieren, setze sein Stil eher die alte Tradition des alles beherrschenden Staatschefs fort. Begrüßt wurden Maßnahmen zur Gesundheitsfürsorge von schwangeren Frauen und von Kleinkindern sowie Ansätze in der Beschäftigungspolitik.

Bei den Präsidentschaftswahlen im November 2020 wurde Präsident Kaboré nach friedlichem Wahlkampf miit fast 58 % der abgegebenen Stimmen im ersten Wahlgang im Amt bestätigt.

Übergangszeit 2014-15

2014 – 2015: Übergangsregierung

m 18.11.2014 wurde der Diplomat Michel Kafando als neuer Übergangspräsident vereidigt.

Als seine erste Aufgabe bestimmte er als Regierungschef Oberstleutnant Yacouba Issaca Zida, der zuvor für zwei Wochen eine militärische Übergangsregierung geführt hatte. Dies schien mit dem Übergangsgremium, das Kafando zum Staatschef ernannt hatte, abgestimmt gewesen zu sein. Ein Übergangsparlament CNT (Conseil National de la Transition) wurde einberufen. Dieses besteht aus 90 Abgeordneten:

30 für die früheren Oppositionsparteien
10 für die früheren Mehrheitsparteien

25 für Angehörige des Militärs

25 für Vertreter der Zivilgesellschaft.


Am 23.11.2014 wurden 25 Ministerämter vergeben. Der Präsident selber wurde Außenminister, der Ministerpräsident machte sich zum Verteidigungsminister. Vier Frauen und vier Militärs gehören dem neuen Ministerrat an. Auf heftigen Protest stieß die Berufung von Adama Sagnon zum Kulturminister. Er war maßgeblich an der Schließung der «Akte Norbert Zongo» im Jahr 2007 beteiligt. Nach nicht einmal zwei Tagen im Amt trat er als Minister zurück. Der Minister für Infrastruktur, Moumouni Djiuguemde, trat ebenfalls nach wenigen Wochen zurück. Vorgeworfen wurde ihm, dass er Bauaufträge nicht nach dem geläufigen Verfahren vergeben hat.

Alle Kommunalverwaltungen des Landes wurden abgesetzt. Mit der Kaltstellung der Direktoren der staatlichen Energieunternehmen SONABEL und SONABHY wurde ein Kampf gegen Korruption eingeleitet. Am 03.03.2015 wurden neue Anti-Korruptionsgesetze erlassen. Wegen illegaler Aktivitäten wurde die frühere Mehrheitspartei CDP vorübergehend suspendiert. Wenige Wochen später positionierte sich die CDP aber wieder neu.

Der Regierungschef von Burkina Faso kündigte am 27.11.2014 an, von Marokko die Auslieferung von Ex-Präsident Blaise Compaoré zu fordern, um ihn der Justiz zu überstellen. Präsident Kafando räumte dem Thema keine Priorität ein und verwies auf eine gesetzlich garantierte Amnestie für Blaise Compaoré. Compaoré ist drei Wochen nach seiner Flucht in die Elfenbeinküste nach Marokko weitergereist. Inzwischen ist er wieder in der Elfenbeinküste.

Von der Übergangsregierung wird seit Beginn besonders die Aufklärung der Attentate auf Thomas Sankara und Norbert Zongo betont. Die Regierung unterstützte zur juristischen Klärung des Attentats auf Thomas Sankara die Exhumierung seiner Überreste.

Daneben wurden Reformen versprochen. Außer politischen, wirtschaftlichen und institutionellen Reformen stand auch eine Verfassungsreform zur Debatte, die die Exekutivrechte des Präsidenten einschränkt und durch Einbeziehung traditioneller Würdenträger ein neues Machtgleichgewicht schaffen sollte. Neuwahlen für Parlament und Präsident wurden für den 11.10.2015 angekündigt. Unter den potenziellen Kandidaten befinden waren zahlenmäßig überrepräsentiert viele Militärs und alte Mitstreiter von Blaise Compaoré.

Vier Monate nach dem Sturz der Regierung machte sich Unzufriedenheit breit, da sich die wirtschaftlichen Verhältnisse nicht verbessert, sondern teilweise verschlechtert hatten. Proteste und Streiks wegen Nichtbezahlung, zu hoher Preise oder Entlassungen wurden immer häufiger.

Militärputsch am 16.09.2015

Machenschaften der Präsidentengarde

Zu einer Belastungsprobe für die Übergangsregierung wurde zunehmend ihr Umgang mit der Präsidentengarde. Die Eliteeinheit Régiment de Sécurité Présidentielle (RSP), die einst zum Schutz des gestürzten Präsidenten Blaise Compaoré geschaffen wurde, forderte den Rücktritt des Ministerpräsidenten, da sie mit seinen Personalentscheidungen nicht einverstanden war und Bonus- Zahlungen reklamierte. Ministerpräsident Zida musste kurzfristig Asyl beim Mossikönig suchen. Am 07.02.2015 kam es zu Massendemonstrationen für die Auflösung der Einheit RSP, zu der  Bewegungen der Zivilgesellschaft aufgerufen hatten.

Das alte Regiment des Präsidenten versuchte Anfang Juli 2015 zum dritten Mal, unter Gebrauch von Schusswaffen die Absetzung des aus ihren Reihen hervorgegangenen Ministerpräsidenten und Verteidigungsminister Isaac Zida zu erzwingen. Anhänger von Blaise Compaoré sowie die frühere Mehrheitspartei CDP stellten sich mit ihren Forderungen hinter das RSP.

Die Bürgerbewegung «balai citoyen» (= «Bürgerbesen») sowie die Dachorganisation der Zivilgesellschaft (OSC) und Parteien stellten sich kompromisslos hinter den Ministerpräsidenten und die Übergangsregierung und gegen eine unheilvolle Allianz RSP-CDP, die die Übergangregierung destabilisieren und das alte Regime wiederherstellen wollte.

Am 8. Juli meldete sich Präsident Kafando mit einer Rede an die Nation und berief zur Entspannung der Situation, zur Wahrung des sozialen Friedens, für den Zusammenhalt der Armee und für den weiteren friedlichen Übergang den «Rat der Weisen» ein, um sich mit der Angelegenheit zu befassen, mit den einzelnen Parteien zu reden und Vorschläge zur Überwindung der Krise zu machen. (Der Rat der Weisen besteht in Burkina Faso aus traditionellen und religiösen Würdeträgern und wird nur in Ausnahmefällen zur Rettung der Nation einberufen. Er formulierte im November 2014 nach dem  Sturz von Blaise Compaoré eine Übergangs-Charta.) Nach Beratungen mit den Weisen entschied Präsident Kafando am 16. Juli, dass Premierminister Zida im Amt bleibt, ihm selber aber das Verteidigungsministerium überließe.

Der Putsch

Während einer Ministerratssitzung wurden Präsident Kafando, Ministerpräsident Zida sowie zwei Minister von der ehemaligen Präsidentengarde (RSP) am 16.09.2015 in Geiselhaft genommen. Am 17.09. setzten die Putschisten einen «Nationalen Rat für Demokratie» ein. Der Führer dieser Militärjunta war General Gilbert Diendéré, ehemals einer der engsten Vertrauten des gestürzten Präsidenten Blaise Compaoré, sein spezieller Stabschef und Chef des RSP. Er ließ sich zum neuen Präsidenten ausrufen. Diendéré wird in Verbindung mit der Ermordung von Thomas Sankara und zahlreicher anderer Staatsverbrechen gebracht. Der Putsch sollte angeblich eine «Destabilisierung» des Landes verhindern. [Video]

Der Präsident des Übergangsrates Cheriff Sy erklärte sich zum provisorischen Übergangspräsidenten des Landes. Präsident Kafando wurde von seinen Geiselnehmern entlassen, weigerte sich aber zunächst nach Hause zu gehen, solange der Ministerpräsident festgehalten würde.

Medien wurden ausgeschaltet, populäre Radiosender verwüstet oder in Brand gesteckt. In Folge von Konfrontationen zwischen Militär und Demonstranten wurden durch Schüsse etwa 10 Menschen getötet und über 100 verletzt. Demonstrationen wurden durch Luftschüsse aufgelöst. In vielen Straßen wurden daraufhin Barrikaden errichtet. Gewerkschaften riefen zum Generalstreik auf. Der Rapper Smockey, Führer der Bewegung Balai Citoyen, rief das Volk zu einer Generalmobilisierung in allen Stadtvierteln auf. Sein Aufnahmestudio wurde mit einer Rakete beschossen. In allen wichtigen Städten kam es zu Großdemonstrationen. Die Mehrheit der nationalen Armee stand nicht hinter den privilegierten Soldaten des gestürzten Präsidenten. Widerstandsbewegungen riefen Soldaten zum Ungehorsam auf.

Der Staatsstreich stieß auch außerhalb von Burkina Faso auf breite Ablehnung. Die EU verurteilte den Staatsstreich und forderte die Freilassung der inhaftierten Vertreter der Übergangsregierung. Ähnlich äußerten sich auch die Afrikanische Union, die CEDEAO, die Vereinten Nationen sowie Frankreich und USA.

Vermittlung durch die CEDEAO stieß auf Empörung in der Zivilgesellschaft

Eine Vermittlungskommission der CEDEAO mit Vorsitz des senegalesischen Präsidenten Macky Sall hatte am 20.09. einen «Kompromiss» erarbeitet, der im Hotel Laïco von dem Kommissionsvorsitzenden und früheren Ministerpräsidenten von Burkina Faso Kadré Désiré Ouédraogo verlesen worden war. CNT-Präsident Cheriff Sy akzeptierte den Vorschlag nicht und präsentierte einen eigenen 3-Punkte-Vorschlag, nach dem der Putschist Diendéré sofort verhaftet werden müsse. Der Vorschlag der CEDEAO stieß bei Intellektuellen und Zivilgesellschaft auf Empörung. Grundsätzlich erschien es absurd, mit Terroristen und Hochverrätern zu verhandeln, die das Volk in Geiselhaft nehmen, und ihnen Zugeständnisse zu machen. Insbesondere die Straffreiheit für Staatsverbrechen und Korruption, die der Vorschlag implizierte, erschien skandalös und war ein Rückfall in finsterste Zeiten autokratischer Herrschaft. In sozialen Netzwerken wurde der Vorschlag als Beleidigung des burkinischen Volkes und Verhöhnung der während des Umsturz Getöteten bezeichnet. Die Reintegration der Blaise Compaoré nahe stehenden Kandidaten stieß bei Politikern, Juristen und Professoren auf Unverständnis. Der Sprecher der Bürgerbewegungen Anwalt Guy-Hervé Kam nannte den Vorschlag der CEDEAO eine Schande und betonte: «Ich schäme mich, Afrikaner zu sein.»

Armee aus allen Landesteilen marschiert auf Ouagadougou

Ab Mittag des 21.09.2015 marschierten nationale Truppen der burkinischen Armee aus Garnisonen des ganzen Landes auf Ouagadougou. Sie wurden massenhaft vom Volk mit der Parole «Befreit das Volk!» unterstützt. Nach dem Versagen der CEDEAO-Diplomatie stand eine Konfrontation zwischen nationaler Armee und gut bewaffneter Präsidentengarde bevor. Von Seiten der Armeeführung hieß es, die gesamte Armee bewege sich auf Ouagadougou. Die Präsidentengarde solle «sofort die Waffen niederlegen und sich in das Militärcamp Sangoulé Lamizana zurückziehen.» Mit ihren Familien wären sie dort in Sicherheit.

Übergangsregierung wieder im Amt – Putschistenarmee vor Militärgericht

Am 23.09. konnte Präsident Kafando wieder unter Beisein von sechs westafrikanischen Staatschefs in sein Amt eingeführt werden. In seiner Rede an die Nation betonte er, im Sinne der Übergangscharta seine Regierung bis zu freien Wahlen fortzusetzen. Eine militärische Konfrontation zwischen loyaler Armee und Präsidentengarde konnte durch die Unterzeichnung eines Abkommens beim König des Volksstamms der Mossi verhindert werden. Die Präsidentengarde zog sich in die Kaserne «Naba Koom» zurück. Nach Beschluss des Ministerrates am 25.09. gab Ministerpräsident Zida die Auflösung der Präsidentengarde bekannt.

Gegen ihre Entwaffnung wehrten sich Teile der Präsidentengarde fast eine Woche lang, bis der Putschistenführer Diendéré in die apostolische Nuntiatur in Ouagadougou floh, von wo aus er an die nationale Gendarmerie ausgeliefert wurde. Eine Kommission, die die Hintergründe des Putsches untersucht, wurde eingerichtet. Weitere Verhaftungen sind erfolgt und die Untersuchungen wurden einem Militärgericht übergeben.

Das nach Demokratie strebende Volk ging gestärkt aus den zweiwöchigen turbulenten Ereignissen hervor. Die Putschisten haben es Regierung und Armee letztlich ermöglicht, mit allen Anhängern des alten Regimes aufzuräumen. Verlierer waren auch die Vermittler der CEDEAO (ECOWAS), deren zweifelhafte Zugeständnisse an die Putschisten gegenstandslos wurden.

Einerseits ging durch Burkina Faso – trotz offiziell 15 Toter und 251 Verletzter – ein Aufatmen nach erfolgreicher Niederschlagung des Putsches, andererseits wird eine militärisch geostrategische Verschiebung befürchtet, die das Land von außen verwundbarer macht. Diendéré war Mittelpunkt internationaler Netzwerke und war als Agent zwischen Mächten der Nachbarländer sowie Frankreich, USA und Dschihadisten in Schlüsselpositionen tätig. Am 9. Oktober kam es im Westen des Landes,   30 km hinter der malisch-burkinischen Grenze, zu einem – offenbar von 50 Dschihadisten ausgeführten – Überfall auf einen Gendarmerieposten mit vier Toten.

Gründe für den Putsch

Der Putsch stand unter anderem mit den für den 11. Oktober vorgesehenen Wahlen und dem Ausschluss von Kandidaten in Zusammenhang, die den früheren Präsidenten unterstützten. Sie befürworteten eine Verfassungsänderung, die Blaise Compaoré eine Wiederwahl ermöglichen sollte (s.u.). Dies traf vor allem Eddie Komboigo, einen Schwager und Trauzeugen von Diendéré, Kandidat der CDP, deren Vizevorsitzende Diendérés Ehefrau Fatou ist. Das politische Leben seiner Familie stand somit für Diendéré auf dem Spiel. Außerdem stand seine Präsidentengarde mit ca. 1.300 privilegierten Elitesoldaten nach Empfehlung der Nationalen Versöhnungs- und Reformkommission des Übergangsparlaments vom 14.09.2015 vor der Auflösung. Während der Zeit des Übergangs mischte sich die Garde mehrmals brutal in die Politik ein. 

Der Putsch war eine stets beabsichtigte Machtübernahme einer Militärjunta ohne Orientierung oder Wertvorstellungen, die ihren Grund in sich selbst hatte. Der militärische Arm des wirtschaftlichen Imperiums der vertriebenen Familie Compaoré versuchte, die verlorene politische Macht zurück zu erobern. Persönlich wurde er zur letzten Gelegenheit Diendérés, mit seiner Familie nicht in ein politisch machtloses Abseits zu geraten.

Wahlen am 29.11.2015 – Roch Marc Christian Kaboré zum Präsidenten gewählt

Wegen des versuchten Staatsstreichs im September 2015 und die ihm folgenden turbulenten Ereignisse musste ein neuer Termin für Präsidentschafts- und Parlamentswahlen festgelegt werden. Der Verfassungsrat legte die Wahlen auf den 29. November 2015. Die am 10. September herausgegebene Liste mit 14 Kandidaten (s.u.) blieb dabei unverändert.

Aus den Wahlen ging Roch Marc Christian Kaboré (MPP) [Interview] mit 53,49 % der Stimmen als Sieger hervor. Zéphirin Diabré (UPC) wurde mit 29,65 % Zweiter. Kaboré wurde der erste gewählte Präsident seit mehr als 50 Jahren, der nicht aus dem Militär hervorgegangen ist.

Der 1957 geborene Kaboré war von 1994-96 Premierminister unter Blaise Compaoré. Von 2002-2012 war er Parlamentspräsident und bekleidete damit das zweithöchste Amt. Ab 2003 war er außerdem Parteivorsitzender der regierenden CDP. Zu Jahresbeginn 2014 verließ er – in weiser Voraussicht des stürzenden Regimes Compaorés – die CDP und gründete die oppositionelle MPP. Der gelernte Bankier ist in der Politik als liberaler Wirtschaftsexperte bekannt und war in der Vergangenheit an zahlreichen Privatisierungen beteiligt.

Die von Kaboré geführte MPP ging auch als Sieger aus den Parlamentswahlen hervor. Nach dem Endergebnis erhielt die MPP 55 von 127 Sitzen im Parlament, die UPC 33 Sitze und die frühere Regierungspartei CDP 18 Sitze. Die sankaristische UNIR/PS erhielt 5 Sitze.

Volksaufstand am 30. Oktober 2014

Der 30. Oktober 2014 markiert das Ende der 27-jährigen Herrschaft von Blaise Compaoré. An diesem Tag versuchte er, mit Hilfe der ihm gegenüber loyalen Parteien, ein Gesetz in der Assemblée Nationale durchzusetzen, das ihm per Referendum weitere Mandate garantieren sollte. Schon  wenige Tage vorher kam es zu umfangreichen Streiks und Demonstrationen. Die Opposition rief zum zivilen Widerstand auf. Alle Schulen blieben geschlossen. Am 28.10.2014 demonstrierten etwa eine Million Burkiner auf den Straßen.

Für die Abstimmung wurden die Abgeordneten in dem nahe des Parlaments gelegenen Azalai Hotel Independance einquartiert und mit schwerem Geschütz vor Demonstranten abgeschirmt. Dennoch gelang es den Massen gegen 9:45 Uhr, die Bannmeile zu durchbrechen und die Assemblée Nationale zu stürmen und in Brand zu setzen [Video]. Das staatliche Fernsehen sowie Häuser von Abgeordneten, CDP-Funktionären, Verbündeten und Verwandten des Präsidenten wurden  geplündert, verwüstet und gingen in Flammen auf. Die Krawalle und Zusammenstöße mit bewaffneten Einheiten forderten 24 Menschenleben (davon fünf im Gefängnis) und 625 Verletzte. 260 Eigentumsdelikte wurden festgestellt.

Gegen Abend erklärte eine selbsternannte Militärregierung, dass die Regierung abgesetzt sei und eine Ausgangssperre in Kraft trete. Sie werde für 12 Monate die Staatsgewalt sichern.

Gleichzeitig meldete sich Blaise Compaoré, erklärte den Ausnahmezustand und setzte seinerseits die Regierung ab. Seine Verlautbarungen stießen aber sowohl im Volk als auch bei der Armee auf totale Ablehnung. Wieder zogen Hunderttausende zum Platz der Nation. Am 31.10.2014 gegen 14:00 Uhr trat Blaise Compaoré als Präsident von Burkina Faso zurück. Mit Hilfe des französischen Präsidenten François Hollande konnte er in die Elfenbeinküste fliehen.

Gegen 2:15 Uhr morgens des 1.11.2014 einigte sich der Führungsstab der Armee auf Oberstleutnant Isaac Yacouba Zida als neuen Übergangspräsidenten. Die Entscheidung für den zweiten Mann der Präsidentengarde von Blaise Compaoré wurde aber noch am selben Tag von der Zivilgesellschaft, früheren Oppositionellen und aus dem Ausland (USA, UNO, Afrikanische Union und CEDEAO) angefochten. Sanktionen gegen Burkina Faso wurden angedroht, wenn es keinen zivilen Übergangspräsidenten gäbe.

Als erste Maßnahme der neuen Übergangsregierung wurde die bestehende Verfassung von 1991 außer Kraft gesetzt, um – so hieß es – möglichst schnell wieder zu einem neuen verfassungsmäßigen Gesellschaftsleben zurückzufinden. Die Verfassung trat am 15.11.2014 wieder in Kraft.

Der Platz der Nation wurde wieder in «Platz der Revolution» umbenannt. Damit sollte historisch an die Epoche der Revolution (1983-87) angeknüpft werden. Am 02.11.2014 wurden der Platz der Revolution und die staatliche Fernsehanstalt vom Militär zurückerobert und Tausende Demonstranten vertrieben.

Weder Militär, noch Opposition, noch Volksbewegung waren auf eine schnelle Machtübernahme vorbereitet. Die Machtergreifung durch die Armee enttäuschte zunächst. Die zwei Wochen nach dem Volksaufstand waren gekennzeichnet von der Suche nach einer nationalen Einigung hinsichtlich   eines von ziviler Seite geführten Übergangs zu verfassungsmäßiger Ordnung und Demokratie unter Druck von innen und außen. 

Unter Vermittlungsversuchen der Präsidenten von Ghana, Nigeria und Senegal konnte ein Konsens für eine einjährige zivile Übergangszeit gefunden werden. Armee, Parteien, religiöse und traditionelle Führer und Zivilgesellschaft konnten sich auf eine «Übergangscharta» einigen. Ein Nationaler Übergangsrat sollte demnach eine Interimsregierung bilden. Parlaments- und Präsidentenwahlen blieben für November 2015 vorgesehen. Am 17.11.2014 wurde der Diplomat Michel Kafando von einem speziellen Wahlkolleg – bestehend aus jeweils fünf Vertretern der politischen Parteien, der zivilgesellschaftlichen Gruppen und des Militärs, sowie acht traditionellen und religiösen Führern – zum Übergangspräsidenten ernannt [Video].

Der Volksaufstand vom 30.10.2014 wurde weniger von Oppositionsführern als vielmehr von Führern der Zivilgesellschaft  und Bürgerbewegungen dirigiert. Eine wesentliche Rolle spielte dabei die Bewegung «Le balai citoyen» um den Sänger Smockey. Es waren zunächst viele Frauen und Funktionäre der Mittelschicht daran beteiligt, die das korrupte «System Compaoré» leid waren. Die in der Geschichte des Landes oft entscheidenden Gewerkschaften blieben jedoch unbeteiligt. Entscheidend war der tapfere Einsatz der Bevölkerungsmehrheit der Jugendlichen, die nie zuvor einen anderen Präsidenten als Blaise Compaoré kennen lernen durfte. Sie hatten begriffen, dass das Land und die Zukunft des Landes ihnen gehört  und nicht einer Person mit ihrem Klan, für die es plötzlich keine Verteidiger und Anhänger mehr gab [Interview]. Die Jugendlichen, die wesentlich zum Sturz von Blaise Compaoré beigetragen haben, werden heute «Generation Sankara» genannt, da die  panafrikanischen Ideen und Visionen der Selbstbefreiung des damals jugendlichen Thomas Sankara nach drei Jahrzehnten eine große Rolle spielen. Aus den Hoffnungen der Jugend sind Jahre nach dem Volksaufstand Enttäuschung und Resignation geworden, da sich u.a. noch keine Verbesserungen bei der Jugendarbeitslosigkeit ergeben haben.

Die Geschichte

Burkina Faso hat selber einen der größten Historiker Afrikas hervorgebracht, Prof. Joseph Ki-Zerbo (1922-2006). Er war nicht nur Professor für afrikanische Geschichte in Ouagadougou, Orléans, Dakar und Paris, sondern auch ein Vorkämpfer der Unabhängigkeit und bis zu seinem Tod führender Oppositionspolitiker. Sein Hauptwerk, die „Geschichte Schwarz-Afrikas“, ist auf Deutsch bei Fischer 1981 erschienen und umfasst 774 Seiten.

Deutschsprachige Geschichtsabrisse über Burkina Faso sind gegenüber französischsprachigen Chronologien oder Sammlungen einzelner Artikel noch selten. In den meisten historischen Überblicken wird die Geschichte des Landes in vier Epochen gegliedert: die prähistorische, die vorkoloniale, die koloniale und die post-koloniale Zeit.

Die postkoloniale Geschichte

1987 – 2014 Die Herrschaft Blaise Compaorés

Blaise Compaoré gelangte am 15.10.1987 durch einen blutigen Staatsstreich an die Spitze des Staates und blieb vier Jahre Staatschef der «Front Populaire». Nach Einsetzung einer neuen demokratischen Verfassung im Jahr 1991 ließ sich Compaoré viermal (1991, 1998, 2005, 2010) zum Präsidenten wählen und regierte mit der von ihm dominierten Partei CDP. Sein Versuch, ein fünftes Mal im Jahr 2015 gewählt zu werden und dafür die Verfassung ändern zu lassen, scheiterte an einem Volksaufstand im Oktober 2014. Compaoré floh mit seiner Familie ins Exil.